(Fress)Haltung

Pferde sind als ehemalige Steppentiere dafür geschaffen täglich längere Strecken auf der Suche nach Nahrung zurückzulegen. Dabei bewegt sich das Pferd mehr als 15 Stunden am Tag langsam vorwärts, die Kopf-Hals-Linie des Pferdes verläuft mehr oder minder waagrecht vom Widerrist aus gesehen. Auch auf dem Bild hier ist recht schön zu sehen wie gut sich die Unterlinie des Halses dabei entspannt.

Durch eine teils kräftige Nickbewegung mit dem Kopf sollen die Pferde auch Energie sparen. Das bedeutet für mich aber auch, dass die Pferde in dieser entspannten Futtersuchhaltung keine fixe Position einnehmen und somit auch keine Haltearbeit (ihr kennt doch die fiesen Übungen im Training, wo man beispielsweise ‚einfach nur‘ das Bein eine Zeitlang in einer bestimmten Positionen hochhalten soll?) der Muskeln leisten.

 

Doch nun zu meinem eigentlich Thema heute: der Fresshaltung. Wir wissen, dass es für Pferd physiologisch am besten ist, wenn vom Boden gefüttert wird. Auch in den meisten Boxenställen wird es so gehandhabt, dass das Raufutter vom Boden gefüttert wird. Wenn nun Pferde in dieser natürlichen Fresshaltung aber keine Möglichkeit haben ihre Umwelt wahrzunehmen und sich im Stall gerade einiges tut, dann wird das Pferd nahezu mit jeder neuen Maulvoll Heu ‚auftauchen‘, um auch optisch einen Eindruck von der Umgebung zu erhalten. Meiner Erfahrung nach wird dieses Verhalten umso stärker gezeigt, je unruhiger es im Stall ist.

 

Manche Pferde stehen in einem Offenstall mit Heu ad lib. Das kann für manche Pferde von der Raufutterversorgung her wirklich perfekt sein, weil die Pferde dadurch jederzeit kleinere Mengen nach Bedarf aufnehmen können. Erfahrungsgemäß lernen die Pferde auch recht schnell, dass das Heu nun nicht mehr rationiert zur Verfügung gestellt wird, sondern eben permanent zugänglich ist und sie beginnen je nach Pferdetyp dann wieder sehr langsam zu fressen, gut zu kauen und einzuspeicheln.

 

Allerdings bedeutet das fast immer, dass Rundballen in Heuraufen angeboten werden. Wird hier ein neuer Ballen eingestellt, dann fressen die Pferde erfahrungsgemäß ganz besonders gerne aus der Ballenmitte heraus. Das bedeutet dann auch für einen Warmblüter, dass er sich schon mal ‚groß machen‘ muss, um das zu schaffen. Und selbst wenn der Ballen schon ein wenig kleiner ist, hängt es sehr von der verwendeten Raufe ab, ob die Tiere auch nur annähernd in eine natürliche Fresshaltung kommen können…

 

Manchmal sehe ich aber leider auch Heuraufen, die die Rundballen grundsätzlich sehr hoch präsentieren. Damit ist selbst am Ende des Ballens noch immer eine hohe Fresshaltung von den Pferden gefordert L.

 

Kraftfuttertröge werden leider ja aus verschiedensten Gründen meist eher höher montiert. Bei Boxenhaltung würde ich, ehrlich gesagt, generell bevorzugen, dass das Kraftfutter auf dem Heu gefüttert wird. Das hätte gleich zwei positive Effekte: erstens ist damit sichergestellt, dass das Heu zuerst gefüttert wird und die Pferde können das Kraftfutter langsamer aufnehmen.

 

Meine Gedanken zu alledem (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Einerseits ist der gesamte Kiefer darauf optimiert, dass Nahrung in bodennaher Haltung aufgenommen und zerkleinert wird. Die aufgenommene Nahrung wird dabei gut eingespeichelt und steht dem Pferd somit gut vorbereitet zur Energiegewinnung zur Verfügung. Je höher die Kopfhaltung, desto weniger gut funktioniert das natürliche Zerkleinerungsprinzip.
  • Heufütterung in Boxen bedeutet für die meisten Pferde, dass sie ein Bein vorstellen und das andere entlasten – dadurch ergeben sich unregelmässige Belastungen und oft sehr unregelmässige Hufe
  • Heuhaufen in Boxen oder natürlich auch in Offenställen, die das Heu quasi von oben anbieten, sind für mich absolutes ‚no-go‘
  • Heuhaufen in Boxen mit senkrechten Gitterstäben würde ich meinem Pferd auch niemals als Dauerfütterung zumuten – dabei muss der Kopf immer gedreht werden!
  • Heunetze, die lose hängen, zwingen die Pferde oft zu ‚Verrenkungen‘… aus meiner Sicht daher auch nicht sinnvoll
  • Heu in Boxenhaltung am Boden zu füttern, ist gut; doch wäre es vorteilhaft, wenn es ‚Schlitze‘ in der Türe gäbe, die einerseits die Belüftung und andererseits den (kleinen) Blick nach draußen ermöglichen würden
  • Pferde in Boxenhaltung, die den Kopf stark heben müssen, um etwas zu sehen, zwingt man aus meiner Sicht oft auch zu einer schlechten Körperhaltung (Unterhals!)
  • Futterraufen, die permanent eine hohe Fresshaltung von den Pferden fordern, zwingen die Pferde zu einer unphysiologischen Haltung, dadurch können gänzlich andere Belastungen für Hufe, Gelenke und Bänder auftreten!
  • Ich kann es nicht oft genug sagen, aber auch Pferde in Offen- oder sogenannten Aktivställen (Paddocktrails) bewegen sich vielleicht nicht genug. Nur weil die Möglichkeit besteht, heisst es noch nicht, dass die Pferde das auch nutzen!
  • Für mich ist es wichtig, dass sich Pferde möglichst viel frei bewegen können – täglich! Wenn das aufgrund der Gegebenheiten nicht möglich ist, dann versuche ich meine Kunden davon zu überzeugen möglichst oft und entsprechend lange auch an der Hand spazieren zu gehen. Wichtig ist, dass das Pferd auch dabei wieder die entspannte Haltung einnehmen kann. Ich persönlich empfehle gerne den Kappzaum für diese Spaziergänge.

natürliche Fresshaltung auf der Weide….

Liebe Grüße,
Eva

PS: alle Aussagen hier beziehen sich wie immer gleichermaßen auf Frauen und Männer, auch wenn im Text aufgrund der Lesbarkeit nur die männliche Variante genannt wurde

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